Lerntagebuch nutzen
Juli 15, 2025
Lernen ist mehr als Informationsaufnahme – es ist ein aktiver, individueller Prozess. Um diesen bewusster zu gestalten, sind Reflexion und Selbstbeobachtung entscheidend. Genau hier setzt das Lerntagebuch an: Es hilft Lernenden, ihre Fortschritte festzuhalten, Probleme zu erkennen und Lernstrategien zu verbessern.
Für Lehrende wiederum ist es ein wertvolles Instrument, um Einblicke in Denkprozesse zu gewinnen und individuelle Lernbegleitung zu ermöglichen. Doch wie funktioniert der Einstieg in das Lerntagebuchschreiben konkret?
Was ist ein Lerntagebuch?
Ein Lerntagebuch ist ein persönliches Dokument, in dem Lernende regelmäßig über ihre Lernprozesse, Erlebnisse, Fragen und Erkenntnisse schreiben. Es ist kein Protokoll, sondern eine reflexive Auseinandersetzung mit dem eigenen Lernen.
Typische Inhalte können sein:
- Was habe ich heute gelernt?
- Was war (nicht) verständlich?
- Welche Fragen sind offen geblieben?
- Wie habe ich mich beim Lernen gefühlt?
- Was möchte ich beim nächsten Mal anders machen?
Dabei gibt es keine „richtige“ Form – handschriftlich, digital, frei oder mit Leitfragen: alles ist möglich.
Warum lohnt sich ein Lerntagebuch?
Das Führen eines Lerntagebuchs bringt zahlreiche Vorteile mit sich – sowohl für Studierende als auch für Lehrende:
Für Lernende:
- Bewusstere Auseinandersetzung mit Inhalten
- Förderung von Selbstreflexion und Motivation
- Entwicklung individueller Lernstrategien
- Sichtbarmachung von Fortschritt und Entwicklung
Für Lehrende:
- Einblick in Denk- und Lernprozesse
- Früherkennung von Verständnisproblemen
- Grundlage für individuelles Feedback
- Stärkung der Lernbeziehung
Zudem unterstützt das Schreiben die Vertiefung des Gelernten – durch Wiederholung, Sortierung und emotionale Verankerung.
Wie beginne ich mit dem Lerntagebuch?
Der Einstieg gelingt leichter mit einem klaren Rahmen. Folgende Tipps haben sich bewährt:
1. Feste Zeitpunkte definieren (z. B. nach jeder Sitzung, wöchentlich, vor Prüfungen)
2. Leitfragen vorgeben oder gemeinsam entwickeln, z. B.:
- Was war neu oder überraschend?
- Was habe ich nicht verstanden?
- Wo sehe ich Verbindungen zu anderen Themen?
3. Klare Erwartungen kommunizieren: Ist das Tagebuch freiwillig oder verpflichtend? Wird es gelesen oder nur privat geführt?
4. Vertraulichkeit klären: Wird Feedback gegeben? Wer hat Zugriff?
Tipp: Starten Sie mit einem gemeinsamen Beispiel – z. B. ein erster Eintrag im Plenum oder über ein gemeinsames Padlet/Miro-Board.
Varianten und Formate
Nicht alle Lernenden schreiben gern – deshalb lohnt es sich, mit verschiedenen Formaten zu experimentieren:
Freies Schreiben: Gedanken, Fragen, Reflexionen ohne Vorgabe
Strukturiertes Format: z. B. mit einer 3-Spalten-Vorlage (Inhalt – Reaktion – nächste Schritte)
Visualisierung: z. B. Mindmaps, Sketchnotes oder Collagen
Audio- oder Videoformate: besonders bei mündlich orientierten Lernenden
Für digitale Lernsettings bieten sich Tools wie OneNote, Notion, Moodle-Tagebuch, Google Docs oder Blogs an.
Reflexion fördern – auch im Dialog
Ein Lerntagebuch ist in erster Linie ein Werkzeug zur Selbstreflexion – es kann aber auch der Ausgangspunkt für Lerngespräche oder Gruppenreflexionen sein:
- Feedback durch Lehrende (z. B. schriftlich oder mündlich in Gesprächen)
- Peer-Reflexion: Studierende lesen ausgewählte Einträge (freiwillig) gegenseitig
- Abschlussreflexionen: Rückblick auf das gesamte Semester oder Projekt
Ziel ist nicht Bewertung im klassischen Sinne, sondern Anregung zum Weiterdenken und zur bewussteren Auseinandersetzung mit dem eigenen Lernen.
Fazit
Ein Lerntagebuch ist mehr als ein Lernprotokoll – es ist ein Werkzeug zur persönlichen Entwicklung. Es fördert selbstgesteuertes Lernen, unterstützt individuelle Strategien und macht Lernprozesse sichtbar.
Für Lehrende bietet es wertvolle Einblicke, ohne großen Korrekturaufwand. Für Studierende schafft es Raum für Reflexion, Orientierung und Selbstwirksamkeit.
Wer den Einstieg wagt und das Tagebuch regelmäßig nutzt, wird schnell merken: Reflektiertes Lernen ist nachhaltiger – und oft auch motivierender.